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Weihnachtsgeschichte Das brennende Herz

Geschichteneinzel

Das brennende Herz


Er liebte es inmitten des Getriebes der Innenstadt in einem kleinen Café Einkehr zu halten. Er hatte Zeit, viel Zeit. Zum Zuhören und zum Beobachten des quirlenden Lebens, das vor den Fensterscheiben wie auf einer Bühne an seinen Augen vorbeizog. Besonders jetzt, in der Zeit vor Weihnachten.

Auf einer Mundharmonika lockte ein bärtiger Straßenmusikant, der sich gegenüber in der Nähe eines Shoppingcenters platziert hatte, zum Verweilen. Seine Weisen lockten die eilenden Passanten an. Gefangen blieben sie stehen, um den Klängen zu lauschen. Einst, so hatte jemand erzählt, sei dieser Mann ein berühmter Geigenspieler gewesen, gefeiert und umjubelt auf den großen Konzertbühnen der Welt, ein Künstler mit einer sensiblen Seele, aber wohl auch mit einem labilen Charakter. Die einen meinten, verursacht habe seinen sozialen Niedergang der Alkohol, andere vermuteten, es sei der tragische Tod seiner Frau und seines Kindes gewesen. Von der großen Schar seiner Bewunderer war dem Musiker nur ein Anhänger geblieben: ein mächtiger Hund. Der lag zu seiner Rechten und schien zu dösen. In Wahrheit jedoch hatte er genau das Geschehen im Auge, vor allem aber den Korb, in den Münzen und manchmal sogar ein Schein geworfen wurden. Diesen Korb hätte das Tier im Notfall mit Krallen und Zähnen verteidigt.

Während der Kaffeetrinker überlegte, wie viele Jahre der Mundharmonika-Spieler an derselben Stelle den Vorbeiströmenden in der Adventszeit bereits aufspielte, schob sich ein Menschenknäuel in sein Blickfeld. Die Tür flog auf, und ein Junge stürmte herein, rempelte ihn an, wobei er ihm etwas in die Hand schob. Alles ereignete sich derart geschwind und überraschend, dass der Mann im Reflex die Hand schloss. Der Junge verschwand so schnell wie er gekommen war. Als der Mann jetzt vorsichtig seine Hand öffnete, erblickte er darin ein winziges, goldenes Herz. Während er es betrachtete, bemerkte er, dass das Herz schwerer und größer wurde, wobei es Wärme verströmte.
Es dämmerte. Der Mundharmonika-Spieler streifte sich eine dicke Jacke über, in der seine schmale Gestalt verschwand wie in einem großen Zelt. Dann begann er erneut zu spielen, und sogleich bildete sich eine Traube von Zuhörern um ihn herum.

An den Fensterscheiben des Cafés hatten sich Tropfen von Kondenswasser gebildet. Sie glitten herab wie die Schweißperlen auf der Stirn des Mannes am Tisch, in dessen Hand das goldene Herz immer größer und wärmer wurde.

Vor dem Café blieben plötzlich Passanten stehen und blickten gebannt in den Innenraum. Dort war ein wunderbares Schauspiel zu sehen. Sterne und Kreise aus Gold und Silber sprühten. Glitzernd und funkelnd fielen Kaskaden herab und umflossen Bilder von solcher Schönheit und Innigkeit, dass es den Betrachtern das Wasser der Rührung in die Augen trieb. Aber herrlicher als diese Bilder, Farben und Formen war eine Melodie, die sich lieblich, als käme sie aus paradiesischen Sphären, über die Menschen ergoss und ihre Seelen anrührte. Alle, die dicht zusammenstanden, fühlten sich auf einmal einander nah, fühlten sich umfangen wie in einer großen, liebevollen Umarmung.

Es war nicht mehr eine Mundharmonika, die erklang, vielmehr erhob sich jetzt das überirdische Jauchzen und Schluchzen einer Violine. Diese Musik erfüllte mit einmaliger Harmonie, schwang sich auf in die Klarheit des Winterabends, flog zu den Häusern der Stadt, drang durch die Türen, kroch in die Kamine, jagte mit Jets um die Welt, reiste in Automobilen, Zügen, Schiffen, war auf den Zeigern von Uhren, auf den Wellen von Flüssen und Meeren, auf den Schwingen von Vögeln und brachte die Augen der Lebewesen zum Leuchten. Eine Symphonie von göttlicher Macht und unendlicher Größe vernetzte das Menschengeschlecht, vereinte es in Sehnsucht stillender Eintracht.

Der Mann stand hilflos mit dem Herzen aus Gold, das seine Hand zu verbrennen drohte. „Will es denn keiner haben, dieses mächtige, goldene Herz?“, rief er in seiner Not.

„Ich, ich will es haben.“, ertönte da die Stimme des Straßenmusikers von gegenüber. „Es ist mein Herz, mein geschundenes, verwundetes Herz, das mir vor vielen Jahren gebrochen wurde.“


Autorin: Jutta Gornik
Veröffentlichung nur mit Genehmigung der Autorin - jgornik@aol.com
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